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Der Stör

Der vom Aussterben bedrohte Europäische Stör ist der Fisch des Jahres 2014. Ein letzter kleiner Störbestand in der französischen Gironde trotzte den modernen Gefahren wie einst Asterix den Römern.

Die Gallier haben lange Nasen. Sie erreichen eine eindrucksvolle Größe von bis zu fünf Metern und hüllen ihren Körper in Knochenplatten. Wenn Jörn Geßner vom Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) die Geschichte des Europäischen Störs erzählt, fühlt man sich unweigerlich an Asterix und seine Kumpane erinnert. Die sturköpfigen Helden in den bekannten Comic-Geschichten leisten in einem kleinen Dorf im heutigen Frankreich hartnäckigen Widerstand gegen die Römer. "Und genau so hat auch ein letzter kleiner Störbestand in der französischen Gironde den Gefahren der modernen Zivilisation getrotzt", sagt der Biologe. Überall sonst in Europa ist der einst so häufige Fisch ausgestorben.

Trotzdem kann sich der Europäische Stör nun mit einem neuen Titel schmücken: Der Deutsche Angelfischerverband hat ihn in Abstimmung mit dem Bundesamt für Naturschutz, dem Verband Deutscher Sporttaucher und dem Österreichischen Kuratorium für Fischerei und Gewässerschutz zum "Fisch des Jahres 2014" gekürt. Denn die schwimmenden Gallier könnten vor einem Comeback stehen. Und das ist nicht nur für sie selbst eine gute Nachricht: Ein Fluss, in den die charismatischen Riesen zurückkehren können, bietet auch zahlreichen anderen Arten bessere Lebensbedingungen.

So steht der Stör stellvertretend für all jene Tiere, die Probleme mit dem Ausbau der Gewässer haben. Die Baumaßnahmen haben vielerorts nicht nur die Kiesbänke zerstört, die er zum Laichen braucht. In monotonen Wasserstraßen gibt es auch weniger Wasserinsekten und anderes Kleingetier als Nahrung für seinen Nachwuchs. Und selbst wenn die Bedingungen in den Kinderstuben noch stimmen, versperren Staudämme den Wanderfischen oft den Weg vom Meer zurück zu den Laichgebieten. Gewässerbelastung und eine zu intensive Fischerei taten ein Übriges, und so schien der Stör dem Aussterben geweiht. Der letzte deutsche Bestand verschwand 1969 aus der Eider in Schleswig-Holstein, um 1990 verzeichneten Spanien und Italien ihre letzten Fänge. Und auch die französischen Störe in der Gironde stellten 1996 ihre natürliche Vermehrung ein.

Doch Experten wollten den imposanten Flussbewohner nicht verloren geben. Die Gesellschaft zur Rettung des Störs, in der sich Wissenschaftler und Behördenvertreter, Angler und Naturschützer, Fischer und Fischzüchter zusammengeschlossen haben, arbeitet mit Unterstützung des Bundesamts für Naturschutz seit Mitte der 1990er-Jahre an der Rückkehr der Tiere in deutsche Flüsse. "Der Grundstock für die Wiedereinbürgerung war ein erfolgreiches Zuchtprogramm in Frankreich", sagt Jörn Geßner, der am IGB den wissenschaftlichen Teil des Projekts koordiniert. Die ersten Nachkommen aus dieser Zucht haben 1996 die Reise nach Berlin angetreten, seit 2007 sind jedes Jahr weitere dazugekommen. Mittlerweile schwimmen in den Becken des IGB rund 750 künftige Elterntiere.

Jungfische vom Europäischen Stör (Acipenser sturio) bis zur Geschlechtsreife aufzupäppeln ist allerdings kein einfaches Unterfangen, auch weil sie das in der Fischzucht übliche Trockenfutter verschmähen. Also haben ihnen die IGB-Forscher zunächst ein Menü aus Mückenlarven angeboten und im Laufe der Zeit mehr als 30 verschiedene Futtertiere getestet. "Inzwischen sind wir bei Nordseekrabben angelangt", sagt Jörn Geßner. Die werden von den Stören zwar gefressen, so richtig schnell wachsen sie aber immer noch nicht.

Da sind ihre nordamerikanischen Verwandten deutlich unkomplizierter. Der Amerikanische Atlantische Stör (Acipenser oxyrhinchus) frisst nicht nur anstandslos das angebotene Fertigfutter, er setzt es auch sehr gut in Körpermasse um. "In diesem Fall stimmen wirklich alle Klischees", sagt Jörn Geßner schmunzelnd. "Die Franzosen sind mäkelige Feinschmecker, die Amerikaner fressen Fast Food und nehmen entsprechend schnell zu." Der Biologe kennt diese Unterschiede aus eigener Erfahrung. Denn er und seine Mitstreiter bauen neben dem Europäischen auch einen Zuchtbestand des Amerikanischen Störs auf, den die Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern unter ihre Fittiche genommen hat.

Erbgut-Untersuchungen an Museumsexemplaren und heute lebenden Tieren haben nämlich gezeigt, dass man für ein Wiederansiedlungsprojekt in Deutschland sowohl Europäische als auch Amerikanische Störe braucht. Die Asterix-Fische aus der Gironde sind genetisch fast identisch mit denen aus der Nordsee – und somit die perfekten Anwärter für eine Rückkehr in die Elbe oder den Rhein. In der Ostsee dagegen schwammen früher die Nachkommen von Amerikanischen Atlantischen Stören, die vor etwa 1000 Jahren dort eingewandert waren. Die engsten Verwandten der Ostsee-Störe leben demnach heute in Kanada.

Von dort sind 2005 und 2006 die ersten Fische per Flugzeug in die Experimentalanlage der Landesforschungsanstalt nach Mecklenburg-Vorpommern gereist. Aus deren Nachkommen und weiteren Kanada-Importen rekrutieren sich nun die neuen Ostsee-Bewohner. Seit 2007 haben die Forscher bereits mehr als eine halbe Million junge Störe in der Oder und der Ostsee freigelassen. Dazu kommen noch einmal rund 10.000 Europäische Störe, die zwischen 2008 und 2013 in die Elbe und ihre Nebenflüsse zurückgekehrt sind. Diese Tiere stammen allerdings nach wie vor aus der Zucht in Frankreich. Die ersten Artgenossen am IGB sind zwar auch schon geschlechtsreif, auf den ersten Nachwuchs warten die Forscher dort aber noch.

Doch werden die einst ausgerotteten Tiere in ihrer alten Heimat überhaupt zurechtkommen? Jörn Geßner und seine Mitstreiter sind da optimistisch. Denn sie haben ihre Schützlinge auch nach der Freilassung nicht ganz aus den Augen verloren. Einige Tiere sind mit Sendern ausgerüstet, mit deren Hilfe sich ihre Wanderungen verfolgen lassen.

Alle ausgesetzten Störe tragen zudem eine Markierung, die den Zeitpunkt und den Ort ihrer Freilassung verrät. Fischer sind angehalten, eventuell in ihren Netzen gelandete Exemplare ans IGB zu melden und anschließend lebend wieder ins Wasser zu werfen. Dafür gibt es eine Aufwandsentschädigung aus Projektmitteln. "Für uns ist das eine sehr wertvolle Informationsquelle", sagt Geßner. So sind schon Oder-Störe im Bottnischen Meerbusen in der Nähe der schwedischen Stadt Umeå aufgetaucht – 1600 Kilometer vom Ort ihrer Freilassung entfernt.

Den Messdaten der Fischer zufolge scheint es den Tieren auch sonst nicht schlecht zu gehen: Im Durchschnitt haben sie nach ihrer Freilassung in drei bis vier Monaten ihre Länge verdoppelt und das sechs- bis achtfache Gewicht erreicht. Selbst die anspruchsvollen Europäischen Störe wachsen in Freiheit schneller und werden dicker als in ihren Becken im IGB.

Die Forscher hoffen, dass etliche dieser Rückkehrer künftig selbst für Nachwuchs sorgen werden. Geeignete Laichplätze werden sie wohl finden. Voruntersuchungen haben gezeigt, dass es sowohl in der Oder als auch in der Mittelelbe noch potenzielle Kinderstuben gibt. Das Gleiche gilt auch für den Niederrhein. Und bis die ersten Projektfische in vielleicht 15 Jahren zum Laichen zurückkommen, werden sie wohl auch weniger Wanderhindernisse vorfinden als heute. Schließlich fordert die Wasserrahmenrichtlinie von den EU-Mitgliedstaaten, ihre Flüsse für alle Wanderfische wieder passierbar zu machen. An der Elbe und vielen anderen Gewässern wie der Havel oder der Mulde gibt es bereits Projekte (zum Teil schon abgeschlossen), die beispielsweise Wehre mit Fischpässen ausrüsten.

"Die riesigen Störbestände früherer Jahrhunderte werden wir wohl trotz allem nicht zurückbekommen", meint Jörn Geßner. Dazu haben sich die europäischen Flusssysteme dann doch zu stark verändert. Immerhin: Die Gallier aus der Gironde sind wieder auf dem Vormarsch.

Quelle: Hamburger Abendblatt